„Er kennt das doch!“ – Wenn Erwartung Verständnis ersetzt

Die folgenden Zeilen haben vielleicht nicht unmittelbar mit dem klassischen Alltagstraining zu tun. Und gleichzeitig haben sie sehr viel damit zu tun. Denn es geht um das Lernverhalten unserer Hunde – eigentlich um das Lernverhalten aller Lebewesen – und um die Frage, wie wir Menschen damit umgehen.

In unserer Gesellschaft müssen Hunde ganz schön viel können, kennen und aushalten. Wir trainieren, fordern und erwarten. Dabei vergessen wir manchmal, uns eine entscheidende Frage zu stellen: Kann mein Hund das, was ich gerade von ihm erwarte, in dieser Situation überhaupt schon zuverlässig zeigen?

Sehr schnell entsteht der Gedanke: „Mein Hund kennt das doch.“

Und genau an diesem Punkt verändert sich häufig auch unser eigenes Verhalten. Aus Begleiten wird Erwarten. Aus Erklären wird Fordern. Und wenn das gewünschte Verhalten nicht gezeigt wird, beginnen wir zu korrigieren – obwohl wir vielleicht noch gar nicht ausreichend dafür gesorgt haben, dass der Hund verstehen und lernen konnte, was wir eigentlich von ihm möchten.

Natürlich kann es Situationen geben, in denen wir Verhalten unterbrechen, Grenzen setzen oder korrigierend eingreifen müssen. Entscheidend ist für mich dabei aber eine Voraussetzung: Der Hund muss verstehen können, worum es geht.Eine Rückmeldung kann nur dann hilfreich sein, wenn sie für den Hund nachvollziehbar, angemessen und in einen verständlichen Lernprozess eingebettet ist.

Unser Tierschutzgesetz setzt hier völlig zu Recht klare Grenzen. Kein Hund soll durch Gewalt zu einem bestimmten Verhalten gezwungen werden.

Aber ich möchte noch einen Schritt weitergehen:

Was passiert, wenn eine aus menschlicher Sicht „richtige“ oder „notwendige“ Korrektur den Hund trifft, obwohl er gar nicht verstehen kann, was er hätte anders machen sollen?

Dann entsteht kein Lernen.

Der Hund bekommt keine verständliche Information darüber, welches Verhalten stattdessen gefragt wäre. Er erlebt lediglich eine unangenehme Konsequenz für ein Verhalten, dessen vermeintlichen „Fehler“ er möglicherweise überhaupt nicht erkennen kann.

Und dann sollten wir uns sehr kritisch fragen, ob wir noch von einer fairen Korrektur sprechen können – oder ob wir gerade schlicht Druck oder Gewalt ausüben und sie mit dem Begriff „Korrektur“ rechtfertigen.

Denn Verständnis sollte immer vor Korrektur kommen.

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